Noch mehr Irrtümer zur „Warum?“-Frage – Teil 1

Wow! Der kürzlich erschienene Artikel „Warum Sie (andere) nicht »Warum…?« fragen dürfen“ hat reichlich Resonanz ausgelöst. Dabei waren für mich Rückmeldungen in dieser Form besonders interessant:

Das sehe ich anders. Die Aussage ist sehr pauschal und nicht richtig.

oder:

Jetzt soll ich ihr Buch kaufen?

oder:

Der Autor antwortet nicht mehr, weil ich ihn darauf hingewiesen habe das…

Zum einen habe ich natürlich nie geschrieben das Sie grundsätzlich auf die Warum-Frage verzichten sollen, sondern die Rede war davon das diese Frage eine Stress-Situation auslösen kann.

Diese Rückmeldungen sind wunderbar und können ohne Rechtfertigungsdruck eine praktische Vertiefung für Sie sein.  Mein Wortlaut war:

»Warum?«-Fragen können also in die Enge führen und stressgeladene Situationen verursachen.

Darauf weisen die Autoren Dennis K. Chong und Jennifer K. Smith-Chong des Buches »Frag nicht warum …«, ausführlich hin und begründen diesen Umstand an praktischen Beispielen und fundiert.

In Ihrem Buch fügen Sie entsprechende wissenschaftliche Verweise mit an. Das ist einfach nachgewiesen, quasi ein Fakt. Stress und Rechtfertigung können eine Folge dieser Frageform sein.

Bei der Ursache-Wirkungsdenkweise wird häufig davon ausgegangen das eine Handlung oder eine Reaktion genau einen möglichen Grund hat. Die Frage nach dem „Warum…?“ wird dabei oftmals dazu genutzt den dahinterliegenden Aspekt zu erkunden. Menschen können sich dabei jedoch in Frage gestellt fühlen, weil sie sich ihren eigenen Beweggründen in der Regel nicht bewusst sind.

Gleichzeitig deckt sich das mit meinen persönlichen Erfahrungen. Es ist sozusagen ein kostenloser Hinweis den ich weitergebe und offenbar hat er bei dem einen oder anderen etwas angestoßen. Das ist wunderbar. Natürlich kann jeder schauen was er daraus macht.

Dennoch soll niemand mein Buch kaufen, sondern es ist eine Einladung für diejenigen die mehr erfahren und darüber nachdenken möchten. Noch besser ist das Buch „Frag nicht Warum…?“.

Dort sind die Aspekte ausführlicher beschrieben. In meinem Buch eben etwas komprimiert auf wenigen Seiten und in diesem Artikel nochmal mehr. Sie haben die Wahl.

Nun passten diese Reaktionen ausgezeichnet zum Inhalt des Artikels. Aus welchem Grund?

Über das was richtig sein sollte

In den beiden Zitaten oben tauchen direkt drei wesentliche Schlüsselworte auf: „richtig“, „soll“ und „weil“. Das ist sehr interessant! Besonders im Hinblick auf das oben genannte Buch.

Diese Schlüsselbegriffe zeigen deutlich die Ursache-Wirkungs-Denkweise. Bei der Software-Entwicklung, also dem Schreiben von Programmcode, würden wir das mit „Wenn…dann…“ abbilden.

Wenn ich das tue, tut mein Gegenüber dies.

Im Umkehrschluss interpretieren wir daraus häufig:

Weil ich das getan habe, hat mein Gegenüber dies getan.

Wo ist jetzt das Problem? Naja, das kann stimmen und es muss nicht. Ebenso beispielhaft kann die folgende Aussage selbstverständlich zutreffen:

Der Autor antwortet nicht mehr, weil ich ihn darauf hingewiesen habe das…

Mindestens genauso können eine Vielzahl anderer Gründe zutreffen. Zum Beispiel das der Autor kein Interesse an einer Diskussion hat, seine Zeit anders einsetzt oder drei Wochen in den Urlaub geflogen ist.

Genau darum geht es bei dem Verzicht auf die „Warum…?“-Frage: wir kennen die tatsächlichen Hintergründe nicht und wenn, dann wissen wir sie wahrscheinlich nur sehr ungenau. Selbst wenn wir fragen. Somit liefert die Frage danach sehr wenig bis nur ungenaue Informationen. Das darf einem bewusst werden.

Gleichzeitig ist das natürlich ver-rückt, weil sich selbstverständlich nicht pauschalisieren lässt das eine Frage nach dem „Warum…?“ zu einer Rechtfertigung führt, es kann jedoch eine mögliche Folge sein und ist sehr wahrscheinlich.

Deshalb ist die Genauigkeit bei der Verwendung von Sprache enorm wichtig. Das ist der Hinweis. „Alles kann, nichts muss oder soll.“ – quasi.

Im Artikel war das mit einer Tabelle die zwischen Mensch und Maschine unterschiedlich angedeutet. Beide Systeme verhalten sich anders.

Menschen sind keine Maschinen.

In komplexen Systemen gibt es keine eindeutige Ursache-Wirkungsbeziehungen. Deshalb können Sie nicht bei jemanden einen Knopf drücken und „zack“ reagiert der jedes Mal mit einem gleichen Muster. Ich kann nicht sagen: „Kaufen Sie das Buch“ und sie kaufen es. Das funktioniert nicht. Menschen funktionieren nicht.

Menschen haben eine Art „Tagesform“, sie können lernen und theoretisch in jeder Situation und in jedem Kontext anders reagieren. Wir sind keine Maschinen. Das ist eben der Unterschied.

Was jedoch bei der Nutzung der oben genannten Schlüsselworte (soll, richtig, weil…) passieren kann, ist eine Art „Simplifizierung“ durch die Ursache-Wirkungsdenke. Unsere Welt besteht nicht aus trivialen Ursache-Wirkungsbeziehungen. Sie ist eben komplex beziehungsweise relativ.

Eine Ursache-Wirkungsdenkweise im Zusammenhang mit komplexen Systemen birgt ein hohes Risiko für Denkfehler und gleichzeitig kann indirekt eine Art von Schuldzuweisungen entstehen.

Durch Bewertungen, Soll/Ist-Vergleiche und richtig/falsch-Denkweise entsteht praktisch eine Art „Schuldrahmen“:

Was ist das Modell des Schuldrahmens?
Der Schuldrahmen ist eine Art Meta-Modell mit negativen  Konsequenzen. Dabei entstehen negative Seiteneffekte wie beispielsweise Schuld, Intoleranz und Überheblichkeit. Nicht nur auf persönlicher Ebene, sondern auch in größeren Systemen. Das kann sich beispielsweise in einem Team in der Art ausdrücken das dort niemand  Verantwortung übernehmen möchte oder nicht vielfältig nach weiteren Lösungsansätzen gesucht wird.

Das Thema lässt sich im Rahmen eines Blogartikels nur kurz anteasern. Daher zum Abschluss:

Als Luke Skywalker im zweiten Teil der Star Wars Trilogie »Das
Imperium schlägt zurück« bei Yoda seine Ausbildung durchläuft,
bombardiert er seinen Meister mit Warum-Fragen.

Yoda hingegen bewahrt die Ruhe und antwortet:
»Es gibt kein Warum!«

Meine heutige Unterstützungaufgabe für Sie:

Wenn Sie das nächste Mal davon ausgehen das jemand so und so gehandelt hat, dann prüfen Sie nachgelagert ob ihre These wirklich stimmte. Suchen Sie möglichst viele weitere Gründe und Aspekte die eine Rolle gespielt haben können. Welche Thesen finden Sie noch?

Erkunden Sie das Gebiet: Welche Einflussfaktoren gab es noch?